Für eine Sekunde fällt mir ein weiter Hall bei meinem Schrei auf, während sich eine Wand nasskalt an meinen Rücken presst.
Bevor ich merken kann, was das überhaupt war, lande ich bereits mit absoluter Wucht im Wasser. Wasser? Ich fuchtele mich mit meinen Armen und Beinen an die Oberfläche, nur um dann erst zu merken, dass ich darin stehen kann.
Ich stehe in einem kleinen Schwimmbecken. Ein Schwimmbad? Ich drehe mich um und sehe ein dickes rotes Rohr, aus dem Wasser plätschert: Eine Wasserrutsche. Jede meiner Bewegungen im Nass hallt wie in einer geräumigen Therme, während sich über mir eine runde Kuppel als Decke spannt. An deren runder Wand, wie im dunklen Abteil einer solchen Wasserrutsche, glänzen kleine Lichtpunkte, die langsam heller und dunkler werden. Sie erinnern an Sterne.
Wo bin ich? Wie bin ich hierhergekommen? Ich war doch gerade noch… Moment, wo war ich?
Ist das ein Traum?
Vorsichtig taste ich mich durch das knietiefe Wasser bis an die Treppe des Auffangbeckens. In der Luft liegt ein süßer, seifiger Geruch von Aprikose… oder Apfelsine? Auf jeden Fall etwas Fruchtiges. Am Ende der vier Stufen des Treppchens gegenüber der roten Rutsche ist ein kurzer, aber breiter Gang, aus dem ein grelles Licht hinein flutet. Er windet sich etwas nach links und rechts, bis er beim Licht ankommt.
Ich packe gehetzt meine Beine, meine Arme, mein Gesicht, und meine Haare an.
Mitten im Gang fällt mir auf: „Ich… ich bin überhaupt nicht nass geworden.“
Ich starre gegen das Licht am Ende des Ganges, keuchend mit dem Säuseln meines eigenen Herzschlages in meinen Ohren.
„Wo… bin ich?“ Ich fasse mir an den Kopf.
Mich wieder vom Fleck zu bewegen, kostet Überwindung.
Beim Lichtschein angekommen, ist rechts eine weiße Wand und auf dem Boden des weiteren Flures liegt grüner, fusseliger Kunstrasen. Links steht eine komplette Glaswand, aus der helle Mittagssonnenstrahlen scheinen. Der Ausblick besteht aus nichts außer kniehohem Gras, das im Wind weht und die Sonne spiegelt; bis zum Horizont. Von dem Blick aus, scheint dieses Gebäude hunderte Meter hoch in der Luft zu stehen. Ich fasse mit dem Finger vorsichtig gegen die Scheibe. Erst fester, dann drücke ich mich dagegen: Gerade so am Horizont meine ich einen einzigen Baum weit und breit zu erkennen.
Könnte mich aber auch irren. Am Ende des Flures hört man Wasser plätschern. Natürlich, noch so ein unwirkliches Schwimmbecken?
Der Kunstrasen wärmt meine Beine durch die Schuhe; sind einmal die Sonnenstrahlen auf meiner Haut, fühle ich mich wohlig umarmt.
Ich kann durchatmen.
Alle Sorgen, die ich eben hatte - nein, die ich jemals hatte - scheinen mir wie vom Herzen gefallen zu sein. Wunderschön.
Am Ende dieses kuscheligen Flures steht tatsächlich ein weiteres Becken, mit schwimmtiefem Wasser und drei großen hängenden Wasserfontänen.
Bis auf die Wand, an der die Fontänen angebracht sind, bleiben die Wände aus gläsernen Scheiben. Von hier lässt sich der Baum besser erkennen, er steht da wirklich.
Das Licht funkelt einladend von der Wellenreflexion zu mir zurück.
Entspannt, von frischer Neugier beflügelt, traue ich mich, mit dem Finger das Innere zu berühren.
Schon wieder. Bin nicht nass geworden, obwohl ich die Nässe spüren kann.
Ich ziehe mich trotzdem geniert aus und steige ins handwarme Wasser. Bis zur Brust darin einzutauchen ist wie das heiße Bad nach einem Tag im Schnee.
Im Vergleich dazu ist dieser Flur der Schritt durch die Haustür nach dem Schneeschaufeln, während drinnen das Kaminfeuer knistert.
Ich setze mich auf den Boden des Beckens und lasse das Wasser der Fontänen auf mein Gesicht tropfen, während nur meine Haare, Augen und meine Nase aus dem Wasser ragen.
So schlimm ist es hier gar nicht. Ich verstehe nichts, möchte hier aber bleiben. Die Ruhe genießen.
Ich lehne meinen Kopf an die Wand und schließe meine Augen, möchte versuchen, ob ich es schaffe kurz einzudösen.
...Das klang nach Schritten? Etwas patschte in Richtung des Bads.
Ich reiße verwundert die Augen auf und entdecke eine andere Person im dunklen, einfarbigen Badeanzug vor dem Beckenrand. Sie sitzt mit dem Rücken leicht nach vorne gekauert davor und starrt mich so erschrocken an, als hätte sie ein Alien gesichtet.
Ich will vorsichtshalber nochmal sichergehen, wie ich angezogen bin: Ich habe nur Hose und Shirt abgelegt.
Falsches Abteil? Mein Gesicht fängt dabei vermutlich bereits an zu glühen.
Die dünne Figur, silberglänzende Haare, mit einem blauen Auge und dem Glasauge, das eine rote Iris hat – Moment
„Nein, das ist doch?“, flüstert das Mädchen so vor sich hin, so dass ich es noch hören kann.
„DOCH, DU BIST ES!!“, hallt es durch den gesamten Komplex, ehe sie sich mit Schwung ins Wasser schmeißt, her rackert und mich direkt umarmt; ihre Arme und Beine fest um meinen Körper im Wasser umschlossen.
„Du bist es…“, schluchzt sie mit einer wabernden, erleichterten Stimme.
„Was bin ich?“
Sie legt ihre schlaksigen dünnen Arme zaghaft auf meine Schultern und mit leicht angewinkeltem Kopf, durchbohren ihre mehrfarbigen Augen mich stärker als die plötzlich grellen Sonnenstrahlen hinter ihr.
„Erkennst du mich nicht?“
Ihre Nase glüht genauso knallrot in ihrem blassen Gesicht.
„Doch, ich erinnere mich an dich, auch wenn nicht von woher. Nur an mich selbst tue ich das nicht. Weißt du, wo ich hier bin? Warum sind wir hier gelandet?“
„Das heißt, du bleibst hier auch nicht lange.“
Daniel Schiling
2001 geboren in Osnabrück mit russlanddeutschem Hintergrund
Arbeitet als MTR (Medizinischer Technologe für Radiologie) und schreibt Texte seit dem Kindesalter. Besucht das Abendgymnasium, in Aussicht ein Studium zu beginnen, das es ermöglicht, die Faszination für Sprache und Wissenschaft interdisziplinär zu bündeln.
Schreibt hauptsächlich Kurzgeschichten, Prosa und Gedichte.