Laelia Kaderas

 

 

 

 

Sie legt das Gebiss auf das Kissen, lässt in umständlichen Bewegungen ihren Rock an den Beinen hinuntergleiten, ein Strumpf rutscht mit. Sie ist zufrieden. Nichts drückt mehr. Sie holt die Atemzüge nach, die ihr die Herzschwäche verwehrt hat, klopft leicht mit den Fingerkuppen gegen das magere Dekolleté, zieht noch mal die Luft ein, in raschen, konzentrierten Zügen. Mit schleifenden Schritten verlässt sie ihr Zimmer. 

Die Tochter wischt den Staub von der Kommode, hört das schabende Geräusch der Füße auf dem Teppich näher kommen, vorbeiziehen. Sie sieht, wie der Unterrock der alten Frau schemenhaft den Blick auf die dünnen Beine und die weite Unterwäsche freigibt. Sieht die verwischten Flecke, den gekräuselten Strumpf. Sieht, wie die alte Frau auf den Balkon hinaustritt und dort lange scheinbar reglos stehen bleibt. Am Zucken der Wangen erkennt sie, dass die trüben Augen ihrer Mutter mit dem Licht des Tages hadern.

Von ihr, der Tochter, hatte die alte Frau all die Jahre hindurch „Anstand“ verlangt. Was sollen die Leute sagen? Das fragte die Mutter, bis die Tochter selbst es ganz normal fand, mit den Augen der Nachbarn zu sehen und zu urteilen. Jetzt purzeln die inneren Bilder, und die Scham steigt ihr hinter die Lider. Sie spürt hinter den Fenstern das Kichern der anderen. Und sie wird eins mit der alten Mutter, die, von der Sonne scharf beleuchtet, auf der Bühne der Wirklichkeit alle Regeln bricht.

Zornig ruft sie: „Komm rein!“


Auszug aus „Verstrickt“,

erschienen in: Das Magazin, Berlin, Dezember 2003

 

 

 

 

 

 

 

Laelia Kaderas

 

Worte und deren Wirkung studierte sie an Sprachinstituten, Universitäten und Hochschulen, in journalistischen Werkstätten und in Zeitungsredaktionen. In Süd- und Norddeutschland, aber auch in Mexiko, Kanada, den USA und Israel.

 

 

Redakteurin. Seit 2004 arbeitet sie freiberuflich als

Texterin und Konzeptionerin (www.green-content-marketing.de

und als Autorin(www.geschenke-aus-worten.de).

 

Im Auftrag erstellt sie Unternehmensbücher und Biografien.

 

 

 

 

 

Foto: © Andreas Burmann